Specials / Interviews

„Fordern Sie das Letzte von mir!“

Die Schauspielerin Dagmar von Kurmin im Interview (Mai 2003)

Etwas ganz besonderes war es für uns, dass wir Dagmar von Kurmin, die durch ihre eigenen Hörspiel-Produktionen noch immer ein großer Star unserer Plattenspieler ist, mit der Rolle der Lady Lebanon zu einem Comeback im Genre Hörspiel führen durften. Mit Ihrer sensiblen und ehrlichen Interpretation dieser Figur, die sie nicht als „böse“ abstempelt, sondern als menschlich mit Licht- und in der Tat auch vielen Schattenseiten, hat sie uns bei den Aufnahmen sehr begeistert. Der Regisseur und Autor der Produktion, Marc Gruppe, führte mit ihr folgendes Gespräch:

Das kommerzielle Hörspiel war ja in den späten 1960er, frühen 1970er Jahren noch ein recht junges Medium. Ganz besonders, was das Sortiment für Kinder und Jugendliche angeht. So gesehen haben Sie, Frau von Kurmin, in Ihrer großen Schallplattenzeit Pionierarbeit geleistet. Wie kamen Sie als junge, erfolgreiche Theaterschauspielerin denn eigentlich zum Hörspiel? Bzw. wie kam es zu Ihrem Engagement für das Label EUROPA?
Das Interessante ist, dass ich ja lange vor dieser Zeit, die Sie ansprechen, schon für eine Arbeit ausgewählt wurde, die für mich ungeheuer ehrenvoll war. Und zwar sollte eine Schallplatte mit Liebesgedichten aufgenommen werden. Dafür wollte man zwei Sprecher haben, den damals sehr bekannten Werner Bruns und eine junge Schauspielerin. Das war natürlich eine sehr fordernde Arbeit und ich konnte gar nicht glauben, dass man mich nun dafür auswählen würde. Zumal sie viele junge Schauspielerinnen ausprobiert hatten. Schließlich entschied man sich tatsächlich für mich, obwohl ich ja damals gar keinen Namen als Sprecherin hatte und auch mit Synchron eigentlich kaum etwas zu tun hatte in Hamburg. Die Begründung war, dass man mir die Liebesgedichte eines jungen, liebenden Mädchens von der Stimme her glaube. Das war meine wunderbare erste Schallplattenarbeit und zwar lange bevor ich bei EUROPA anfing. 1969 suchte man dort neue Autoren für die Hörspiele. Da meine Mama Schriftstellerin war und ich in der Zeit gerade in Hamburg als „Katze auf dem heißen Blechdach“ Theater spielte, trat man an uns mit der Frage heran, ob wir bereit wären, 10 Hörspiele für EUROPA zu schreiben. Dabei ergaben sich auch einige Sprech-Rollen für mich. Allerdings keine entscheidenden Rollen, da die EUROPA und deren Regisseur Konrad Halver ja seit langem ihr Sprecher-Kontingent hatten. Die Arbeit als Sprecherin in Schallplatten-Hörspielen ging für mich erst richtig los, als Konrad Halver und Peter Folken als eigenständige Produzenten für die BASF verpflichtet wurden. Da holten sie mich sofort für wunderschöne Aufgaben als Sprecherin und auch als Autorin für die 3 Winnetou-Doppelhörspiele. Da die EUROPA nach dem Weggang Konrad Halvers keinen Regisseur mehr hatte, kam einige Zeit nach meiner BASF-Tätigkeit die dringende Anfrage an mich, ob nun ich nicht für die EUROPA eine ganze Serie von Karl May-Hörspielen schreiben könnte und darin auch selbst Regie führen möchte. Es war eine große Herausforderung, die ich nicht ungern annahm, da ich Karl May sehr liebte und nun auch mein eigenes Sprecher-Ensemble aufstellen konnte.
Die ganz große Zeit meiner Regie-Arbeit war dann aber doch später für die Deutsche Grammophon, für die ich meine Jules Verne-Hörspiele machte und meine Mama ihre eigene, sehr beliebte Eichhörnchen-Putzi-Serie. Wie man uns immer wieder bestätigte waren das wirklich Spitzenprodukte. Jedenfalls forderte ich von mir als junger Regisseurin das Höchste und damit natürlich auch von meinen großartigen Sprechern. Ich denke, das kann man heute noch sagen.

Ich liebe ja unter den Hörspielen, die Ihre Mutter für EUROPA geschrieben hat, besonders die Dramatisierungen der russischen Märchen, etwa „Die schöne Wassiljissa“. War das auch die Märchenwelt mit der Sie aufgewachsen sind?
Nein, das kann ich nicht sagen. Ich bin zwar mit Russisch aufgewachsen, auch mit russischen Liedern, aber da meine Mama ja eine sehr vielversprechende, junge Autorin und Regisseurin war, und ihre eigenen Sachen in diesem Bereich schrieb, bin ich eigentlich eher mit ihren Theaterstücken aufgewachsen. Zum Beispiel arbeitete sie an einem sehr großen Kinderschauspiel mit dem ein Theater eröffnet werden sollte. Dann kam die Flucht und alles fiel ins Wasser. Insofern bin ich mehr mit der ganzen Theaterwelt groß geworden, die meine Mama durch ihre eigene Arbeit in mich quasi „hineinpflanzte“. Das Theater war eine Welt, mit der ich von Anfang an sehr vertraut war. Ich bin schon als ganz kleines Mädchen von ihr ins Theater mitgenommen worden und das hat mich eigentlich für meinen späteren Beruf geprägt. In einem der Theaterstücke meiner Mama durfte ich schon recht früh auf einer Bühne in Riga einen Hasen spielen. (Lacht.)

Was deutsche Märchen betrifft, da haben Sie ja in der Zeit Ihrer Sprechertätigkeit fast jede mögliche Figur gesprochen. Oftmals bei verschiedenen Labels im selben Märchen unterschiedlichste Figuren.
(Lacht.) Das stimmt! Ich erinnere mich an eine Firma, bei der mich der junge Produzent gar nicht kannte und bei den Aufnahmen dann so überrascht über meine Stimme war, dass gleich etliche Rollen aufgezählt wurden, die ich in kommenden Produktionen auch noch sprechen sollte! Wahrscheinlich eignete ich mich doch als junges Mädchen schon für diese Arbeit. (Lacht.)

Sie zeichneten sich besonders durch eine ungeheure Wandlungsfähigkeit aus. Wie Sie ja wissen, haben Sie mich besonders als „böse Königin“ in der Schneewittchen-Produktion der Firma Corvus beeindruckt ...
(Lacht.) Ja, ich habe mir diese Platte neulich nach etlichen Jahren angehört und sie ist wirklich nicht schlecht, muss ich sagen.

Das ist etwas untertrieben. Sie haben es in dieser Produktion geschafft, dass man der bösen Königin nicht nur die Härte anhört und den Fanatismus, sondern vor allem auch ihre majestätische Schönheit. Das habe ich besser nie gehört! – Wenn ich die Titel, die Sie selbst für das Medium Hörspiel bearbeitet haben – Karl May und Jules Verne – durchgehe, dann stellt sich mir die Frage, wie eine junge Schauspielerin, die das Gretchen und vieles mehr spielt, ein so gutes Gefühl für diese klassischen Jungens-Stoffe haben konnte ...

Das kam dadurch, dass ich Karl Mays Bücher sehr liebte und schon in meiner Schulzeit verschlungen habe. Die vermochten mich wirklich sehr zu begeistern und so empfand ich es natürlich als eine ungeheure Ehre und Herausforderung, dass ich plötzlich aufgefordert wurde, sie zu dramatisieren. Dabei kam mir natürlich sehr zu Gute, dass ich bereits den größten Teil seiner Bücher kannte. Und Jules Verne ist ein ganz besonderer Schriftsteller! Die Grammophon äußerte damals den Wunsch, ob ich Jules Verne bearbeiten würde, weil er durch Filme und Fernseh-Serien wohl gerade sehr aktuell war. Ich habe dann drei seiner Werke ausgewählt, die mich besonders interessierten. Wie ich auch von meinem lieben Kollegen Christian Rode, der ja in allen drei meiner Jules Verne-Hörspiele die Hauptrolle gesprochen hat, bei den Aufnahmen zu unserem Wallace-Hörspiel hörte, waren das wirklich Spitzenproduktionen. Wenn ich mir die heute anhöre, kann ich sie jedenfalls noch bejahen! Und ich muss Ihnen sagen, dass ich von Ihnen und Stephan nun diese herrliche Rolle in Ihrem Hörspiel angeboten bekam, und da mitarbeiten durfte, war für mich nicht nur eine große Freude, weil Sie mir ein wunderbarer Regisseur waren, sondern auch, weil es eine riesige Freude war, in diese Arbeit, die ich wirklich sehr geliebt habe, wieder mal hineinzukommen und etwas zu sprechen.

Sie hatten ja eine große Pause von ungefähr dreißig Jahren, was diese Arbeit betrifft ...
Ja, das stimmt. Es kam meine Heirat, nach der ich zunächst zwei Jahre auf der Bühne ausgesetzt habe. Danach spielte ich wieder intensiv Theater, mit wichtigen Einspringen, Gastspielen und Tourneen, weil man Mann mit einer Künstlerin und nicht mit einer Hausfrau verheiratet sein wollte und mich sehr in meiner Arbeit unterstützte. Dann begann die aufwändige Arbeit mit meinem Mann an seinen großen kulturgeschichtlichen Karten, den Bernewitz’schen Kulturkarten. Es war mir so wichtig, mit ihm mitzuarbeiten, so dass das einfach vorrangig war. Insofern ergab sich das eigentlich mehr so unwillkürlich, dass ich keine Platten mehr machte. Nach einer langen Pause habe ich dann wieder intensiv begonnen, Theater zu spielen. Wie das Schicksal es eben oft fügt: manchmal ist eine Phase, in der man etwas mit großer Liebe gemacht hat, zu Ende und man macht etwas anderes, was genauso viel von einem fordert.

Und nun sprechen Sie quasi mit der Rolle der Lady Lebanon in „Das indische Tuch“ Ihr Comeback im Medium Hörspiel ...
Ich bin mit Freude auf dieses Angebot eingegangen! Ich kannte ja bereits Ihr Bühnenstück nach dem Wallace-Roman und fand es sehr, sehr gut dramatisiert. Als Sie sagten, Sie machen eine CD daraus, wurde natürlich wieder alles an Erinnerungen in mir geweckt, mit welcher Leidenschaft ich damals meine Produktionen gemacht habe. Es war ja schon eine große Überraschung, dass mir plötzlich wieder so etwas angeboten wurde und wie sollte ich mich nicht darüber freuen!

Nach der erste Theater-Vorstellung, die Stephan und ich mit Ihnen gesehen haben, war für uns völlig klar, dass Sie wieder vor das Mikro gehören!
Jetzt machen Sie mich etwas verlegen. – Ich bin eine leidenschaftliche Schauspielerin und zu meiner Freude haben Sie mich ja auch in einer Rolle, wie die der Kitty Warren in Shaws „Frau Warrens Gewerbe“ auf der Bühne gesehen, wo ich auch sehr menschliche Züge zeigen konnte. Meine Rollen sind eigentlich immer die Charakterrollen gewesen. Die Warren ist ja nun nicht gerade eine liebenswerte Figur, aber ich brauche einfach solche menschlichen Rollen, die mir eine sehr große Vielfalt in ihren Gefühlen, in ihrem Denken, in ihrem Verstehen bieten können. Insofern freue ich mich, dass Sie mich auf der Bühne einmal in einer solchen Rolle sehen konnten. In der Figur der Lady Lebanon, wie Sie sie in Ihrem Hörspiel zeichnen, waren auch wirklich alle diese Möglichkeiten, eine Vielfalt in Charakter, Stimme und Gefühlen zu zeigen. Ich denke, da haben wir schon gute Arbeit geleistet und das war eine wunderbare Sache!

Als Newcomer im Hörspielbereich war es natürlich sehr aufregend für mich mit so erfahrenen Vollblut-Sprechern zu arbeiten und zu erleben, wie präzise und umfassend Sie vorbereitet waren. Herrlich fand ich, dass Sie und Christian Rode, die Sie in den 70er Jahren ja viel miteinander gearbeitet haben, immer noch unglaublich gut aufeinander eingespielt sind. Das war eine große Bereicherung gerade für Ihre beiden Rollen, die sich ja im Hörspiel nicht so mögen ...
Je ernsthafter ein Schauspieler oder Sprecher seinen Beruf nimmt und wie leidenschaftlich er in dieser Arbeit ist, umso selbstverständlicher erwartet er, dass der Regisseur, der mit ihm arbeitet, versucht, das Letzte aus ihm herauszuholen. Ich erinnere mich, dass mein damaliger bester Freund und lieber Kollege, der leider so jung verstorbene Malte Petzel, der viele Rollen in meinen Produktionen gesprochen hat, einmal ausrief: „Liebchen, was willst du eigentlich noch? Besser kann ich es nicht!“ (Lacht.) Aber Spaß beiseite, man freut sich wirklich, wenn der Regisseur viel verlangt. Deshalb war es auch jetzt eine gute Arbeit. Was Sie uns übrigens technisch geboten haben, mit den Kopfhörern beim Sprechen, das war eine wunderbare neue Erfahrung für mich! Das gab es natürlich früher nicht. Da stand man einfach hinter dem Mikro. Mit dem Kopfhörer war es plötzlich aber noch besser möglich, völlig ohne Ablenkung und höchst konzentriert nur noch sensibel auf die Stimme des Partners einzugehen. Eine wunderbare neue Möglichkeit!

Wo Sie gerade Malte Petzel erwähnen: Es bestand ja bei EUROPA schon vor Ihrer Zeit ein festes Sprecher-Ensemble. Einige Schauspieler haben Sie später mitgebracht, als Sie begannen dort Regie zu führen.
Im Grunde habe ich ein fast vollkommen neues Ensemble zusammengestellt.

Das umfasste u. a. auch den wunderbaren Siegmar Schneider, die deutsche Stimme von James Stewart.
Ja, sehr richtig! Das war ein guter, alter Freund, der besonders auch meine Mama sehr geachtet und geschätzt hat. Ihn kannte ich von meiner Zeit am Theater in Baden-Baden. Ich erinnere mich noch an eine Geschichte, wie sich Malte Petzel, Christian Rode und Siegmar Schneider in Berlin am Flughafen trafen und zueinander sagten: „Ach, fliegt ihr auch zu Daggi?“ (Lacht.) Das war ganz toll, meine drei Großen aus Berlin! Ich kannte ja auch die meisten anderen Sprecher von EUROPA gar nicht, da ich – wie ich Ihnen sagte – zunächst gar keine so bedeutenden Rollen gesprochen hatte, mich aufs Schreiben konzentrierte und noch nicht selbst Regie geführt hatte. Mit Karl May habe ich dann mein Ensemble aufgestellt. Da muss ich Sie übrigens beglückwünschen: Sie haben auch dieses besondere Ohr für Stimmen und haben für Ihre erste Produktion wunderbare Sprecher engagiert. Wenn ich da z. B. an Herbert Schäfer denke, der den Sergeant Totty spricht! Wirklich eine ganz wunderbare Stimme mit so präzisen Reaktionen, zudem ist er ein reizender Kollege und einfach ein hervorragender Sprecher! Also so ein Ohr hatte ich eigentlich auch damals für meine Schauspieler. Wenn ich Kollegen anrief, brauchte ich nur die Stimme am Telefon zu hören und wusste sofort, passt er für die Rolle, oder passt er nicht. Es war daher eine große Freude, mein Ensemble zusammen zu stellen. Das betraf aber nur die Karl Mays bei EUROPA und meine Produktionen für die Deutsche Grammophon (POLY), nicht die bei der BASF, wo ich ja nicht Regie führte, sondern als Autorin tätig war und somit nichts mit der Besetzung zu tun hatte.

Wie wurde damals produziert? Waren das auch Ensemble-Aufnahmen.
Ja! Immer! Da wurde nie etwas eingeschnitten. Es wurde eine Sache durchgenommen, meistens von Anfang bis Ende im Ablauf. Das war eigentlich sehr schön. Beim Unterlegen der Geräusche war man natürlich dann allein mit dem Tontechniker.

Dafür, dass Ihre Regie-führende Zeit bei EUROPA nur etwas über ein Jahr dauerte, war es ja eine unglaublich produktive Phase mit sehr vielen Platten.
Ja, das stimmt. Ich habe dabei übrigens sogar das Cutten, das Zusammenschneiden der Tonbänder, erlernt! Wir mussten zu Weihnachten mit der ersten Karl May-Serie heraus kommen und die Cutterin fiel aus und da fragte Dr. Beurmann, ob ich bereit wäre, die einzelnen Szenen schon mal zusammen zu schneiden, er würde dann alles andere selbst machen. Also habe ich dann Stück für Stück das ganze Hörspiel zusammen geschnitten und entdeckte eine neue Begabung! (Lacht.) Das wird ja heute überhaupt nicht mehr gemacht ... aber ich muss sagen, es war eine schöne Arbeit, da selbst dran mitzuwirken und somit habe ich dann auch weiterhin vieles selbst geschnitten.

Liebe Frau von Kurmin, ich danke Ihnen für das schöne informative Gespräch!
Und ich wünsche Ihnen beiden, dass Ihre erste CD ein Erfolg wird!