Specials / Interviews

Sprech-Kunst als Leidenschaft

Der Schauspieler Christian Rode im Interview (Mai 2003)

Christian Rode war für uns von Anfang an die Wunschbesetzung für die facettenreiche Rolle des Dr. Amersham im Wallace-Hörspiel. Unsere Freude kannte schier keine Grenzen, als seine Zusage dafür kam. Mit seiner großen Begeisterungsfähigkeit, seiner unglaublich präzisen Vorbereitung und einem enormen Ideenreichtum brachte sich dieser sympathische Vollblut-Sprecher am Aufnahmetag enorm in die Produktion ein.

Sein Charakter-Portrait Dr. Amershams beeindruckte tief und sprach Bände von der Sprech-Kunst des Christian Rode. Marc Gruppe hatte Gelegenheit, mit ihm über seine Anfänge als Schauspieler, seine großen Theaterrollen und die Zusammenarbeit mit Dagmar von Kurmin zu sprechen.

Am Anfang Ihrer Schauspielkarriere, Herr Rode, steht ein Name: Gustaf Gründgens. Also jemand, der dem Wort, dem gesprochenen Wort auf der Bühne und der Kunst, wie man es spricht viel Aufmerksamkeit gewidmet hat.
So ist es. Als ich vorsprach 1956 hat Gründgens gesagt, Sie müssen erst einmal eine richtige Sprech-Ausbildung absolvieren. Er hat mir gleich eine Lehrerin empfohlen, die in Hamburg ansässig war. Eine ehemalige Sängerin, ein Star übrigens in den 20er Jahren: Alice Solscher. Bei dieser Professorin habe ich zwei Jahre intensiv Sprechunterricht genommen und das hat mir sehr, sehr viel gegeben. Ich habe bei ihr ungeheuer viel gelernt und nach zwei Jahren dann auch meinen Abschluss gemacht. Nebenbei hatte ich natürlich am Deutschen Schauspielhaus, wo ich schon engagiert war, die Möglichkeiten, zu gucken, abzugucken und mich zurechtweisen zu lassen von den Regisseuren, vor allem von Gustaf Gründgens, der im Ganzen die Verantwortung für meine Ausbildung übernommen hatte. Das ist natürlich die interessanteste Theaterzeit überhaupt gewesen und es hat für mich die Grundlage geschaffen, in diesem Beruf überhaupt zu bestehen. Denn ich habe später alle jugendlichen Helden rauf und runter gespielt und brauchte Technik, denn ohne Technik ist das gar nicht zu bewältigen. Natürlich war das, was ich dort gelernt habe, auch die Grundlage für das Sprechen im Rundfunk und im Synchron. Das alles hätte ich ohne diese sehr gründliche Ausbildung nie über so viele Jahre betreiben können.

Sie haben in Ihrer Bühnenkarriere ja auch wahrhafte Mammut-Rollen gespielt, u. a. die Titelrolle in Faust I und auch Faust II, der ja schon auf Grund der Rollen-Länge ungeheure stimmliche Anforderungen an den Darsteller stellt.
Ja, da war ich auch am Rande meiner Kraft, da es sich um eine Tournee handelte und wir zwischendurch auch immer noch gereist sind. Das war eine Kraftanstrengung sonder gleichen. Wir haben sechzig Vorstellungen hintereinander gespielt, allerdings manchmal mit ein, zwei Tagen Pause dazwischen, aber da bin ich richtig an die Grenzen meiner Möglichkeiten gekommen, das war übrigens 1978. Trotzdem war es natürlich eine wunderbare Erfahrung. Eigentlich war es immer mein großes Ziel, Faust zu spielen. Ich hatte die Rolle schon mal in einer Freilicht-Produktion in Osnabrück Anfang der 70er gespielt. Das war auch eine schöne Aufführung zwischen dem Rathaus und der Kirche. Ein wunderschönes, unvergessliches Erlebnis.

Die Rolle des Faust I offeriert dem Schauspieler wunderbare Möglichkeiten, besonders, was die stimmliche Gestaltung betrifft ...
Ja, zunächst der reife, alternde Faust und dann die Verjüngung durch die Hexenküche. Das ist natürlich auch stimmlich eine vollständige Veränderung und eine Erfrischung, die man am besten spielen kann, wenn um die 40 herum ist, da man von der Stimme her dann beide Möglichkeiten, sowohl nach vorne, als wieder zurück nach hinten hat. Das war insofern für mich 1973 der ideale Zeitpunkt, diese Rolle zu spielen.

In Ihrer Hamburger Zeit gab es auch schon das erste Zusammentreffen mit Dagmar von Kurmin.
Richtig, Dagmar von Kurmin war eine der aller ersten Schauspielerinnen, die ich überhaupt bewusst zur Kenntnis genommen habe. Da ich Buch geführt habe über alle Theaterstücke, die ich gesehen habe, kann ich Ihnen auch das genaue Datum nennen. Das war kurz nach meiner Rückkehr aus Frankreich, wohin ich während meiner ungeliebten kaufmännischen Ausbildung „geflüchtet“ war und wo ich gejobbt hatte, bis mein Vater mir zähneknirschend zugestand, Schauspieler zu werden. (Lacht.) Natürlich verbunden mit dem Hinweis, ihm nicht auf der Tasche zu liegen. Eine der ersten Vorstellungen, die ich in Hamburg besuchte, war „Forrest schweigt“ und zwar am 1.1.1956 – mit Dagmar von Kurmin, die mich als Schauspielerin ungeheuer beeindruckt hat. Ich dachte, vielleicht siehst du sie noch einmal wieder während deiner eigenen Laufbahn. Genauso kam es dann!
In dem herrlichen Theaterstück „Herrenhaus“ hatten wir einen kurzen gemeinsamen Auftritt. Das war überhaupt das erste Stück, indem ich am Deutschen Schauspielhaus einen Satz zu sagen hatte. Ein wunderbares Theaterstück über die Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs. Es begann mit einer Szene der Sklaven. Da hatten wir eine Pantomime zu spielen und das war der Punkt, an dem Gründgens auf mich aufmerksam wurde und mich bat, vorzusprechen. So bekam ich dann in dieser Produktion auch noch diesen einen kleinen Satz. Damals war unter anderem auch Uwe Friedrichsen dabei. Aber auch Volker Brandt und Friedrich Georg Beckhaus spielten zu der Zeit am Deutschen Schauspielhaus. Diese ganze Generation war ja dort bei Gründgens versammelt. Für mich war es der Anfang, am Theater überhaupt Fuß zu fassen und zu spielen. Deswegen ist mir das in besonderer Erinnerung.
Aber so richtig begann die gemeinsame Arbeit mit Dagmar von Kurmin eigentlich erst im Zusammenhang mit ihren Hörspiel-Produktionen Anfang der 70er Jahre. Da war die Freude natürlich groß und wir haben dann jahrelang wunderbar für die Schallplatten zusammengearbeitet. Ich war seit 1964 am Schillertheater in Berlin. Das hat sie herausgefunden und mich gebeten, bei den Schallplattenaufnahmen mitzuwirken, was ich sehr, sehr gerne getan habe.

Da waren sie eine wirkliche Stütze des Karl-May- und Jules-Verne-Sprecherensembles Dagmar von Kurmins ...
Damals habe ich auch schon synchronisiert und da bekommt man eine ungeheure Technik und ein schnelles Umsetzungsvermögen. Man muss blitzschnell den Charakter der Rolle erkennen und stimmlich umsetzen. Das hilft natürlich bei Schallplattenaufnahmen und Hörspielen ungeheuer, da man in der Lage ist, schnell zu arbeiten und so auch schnell die Klippen, die psychologischen Tiefen der Figur, erfassen und wiedergeben kann.

Die Zeit von Dagmar von Kurmin bei EUROPA war ja unglaublich produktiv ...
Allerdings, das war eine große Leistung. Wir Sprecher waren auch mit ganz großer Begeisterung dabei und hatten das Feedback von den Menschen, die die Aufnahmen hörten und das hat uns natürlich motiviert.

Es war aber auch ein wunderbares Sprecher-Ensemble!
Allerdings. Siegmar Schneider (Anmerkung: u. a. dt. Stimme von James Stewart) zum Beispiel, der auch damals am Schillertheater engagiert war. Ein entzückender Kollege und auch einer von der alten Garde, der sein Handwerk beherrschte. Das war immer erfrischend. Aber auch Hellmut Lange war dabei, kann ich mich erinnern. Der kam mit großem Wind ins Studio und sagte: „Das ist ja toll, hier sind ja lauter Profis!“ (Lacht.) Da musste ich furchtbar lachen, denn er war richtig froh, dass er Kollegen auf gleicher Augenhöhe vor sich hatte. Das war ein sehr lustiger Auftritt!

Den Spaß, den Sie offenbar alle an den Produktionen hatten, hört man den Platten aber wirklich an!
Ja, ich kann nur hoffen, dass man das wieder aufgreift und dass wir das mit Ihnen fortsetzen können, obwohl ein paar Jährchen vergangen sind. Aber warum eigentlich nicht? Sofern man Freude damit machen kann, sollte man das tun und ich begrüße das sehr, dass Sie in dieser Weise fortfahren.

Von Ihren großen Hörspielrollen aus dieser Zeit mögen wir ja besonders Ihre Interpretation des „Kurier des Zaren“. Wie war das für Sie damals, diese Rolle gestalten zu können?
Das war eine vollkommen neue Erfahrung, die mir unglaublich viel Spaß gemacht hat, innerhalb dieser Ensemble-Runde so etwas „auf die Platte bringen zu können“. Denn an sich ist man solche Geschichten vom Film und vom Fernsehen gewöhnt, aber das sie nun rein akustisch produziert wurden, das war neu und auch eine große Herausforderung, der wir uns alle mit Eifer gestellt haben, wie Sie vielleicht gehört haben.

Das war wirklich Kunst, was Dagmar von Kurmin mit ihrem Ensemble da auf die Bein gestellt hat.
Ja, sie hat einfach ein untrügliches Gefühl für Timing, ein Gefühl für Menschen, weiß sie zu behandeln und sie „aufzubrechen“, sie versteht es, das zu bekommen, was sie haben möchte für ihre Produktion. Das sind großartige Fähigkeiten, die bei ihr mit viel Erfahrung kombiniert waren und das hat die Arbeit damals sehr angenehm gemacht und ließ sie entsprechend gelingen.

Für uns ist es natürlich eine große Freude, Sie beide als Lady Lebanon und Dr. Amersham wieder gemeinsam vors Mikro bekommen zu haben!
Ja, das war ein Highlight und ein unvergesslicher Augenblick, als ich Dagmar wieder sah. Ich habe mich wahnsinnig gefreut, dieses interessante, exotische Stück mit ihr zu spielen. Eine sehr erfreuliche Arbeit. Wieder – nach so vielen Jahren!

Sie sprechen auch den Bert in der Sesamstraße? Stimmt das?
Ja! Seit zwei Jahren sprechen ich Bert von Ernie & Bert, dem berühmten Paar aus der Sesamstraße und auch das ist eine herrliche Angelegenheit. Zumal das sehr musikalisch geworden ist und wir sehr viel singen müssen. Das macht mir viel Spaß, da meine Sprech-Erzieherin, Alice Solscher, wie ich Ihnen ja vorhin sagte, Sängerin war und mich auch in dieser Richtung ein bisschen geschult hat. Wir haben sogar gerade ein Musical gesungen, das in 280 Vorstellungen durch die Bundesrepublik geht. Das wird Playback gespielt als „Sesamstraße live“ und wir singen das gesamte Playback, was großen Spaß gemacht hat!

Ich bin ja noch mit Wolfgang Kieling als deutsche Stimme von Bert aufgewachsen ...
Ja, richtig, der hat das mit Gerd Duwner als Ernie viele Jahre gemacht, aber als die beiden leider starben, hat man lange gesucht und auch verschiedene Sprecher ausprobiert und ist nun bei Michael Habeck und mir hängen geblieben. Wir freuen uns natürlich sehr darüber. Denn das macht wirklich riesigen Spaß!

Ich werde auf jeden Fall mal wieder in die „Sesamstraße“ reingucken, denn das habe ich in den letzten 2 Jahren sträflicherweise nicht getan ...
(Lacht.) Da sind Sie ja auch ein bisschen drüber hinausgewachsen. – Aber ich muss sagen, diese Geschichten von Ernie & Bert sind psychologisch wirklich fabelhaft konzipiert. Alles kleine abgeschlossene Lehrstücke mit Hand und Fuß. Kein Wunder, dass die Serie seit über 30 Jahren erfolgreich ist, weil der Geist einfach stimmt und das toll gemacht ist. Mit Michael Habeck, der den Ernie hervorragend spricht, macht das viel Vergnügen!

Im Wallace Hörspiel sprechen Sie nun Dr. Amersham ...
Ja, ein zwielichtiger, böser, opportunistischer Charakter, der eigentlich eine Ausgeburt der Hölle ist! (Lacht.) Aber er bekommt ja seine gerechte Strafe und stirbt einen grandiosen „Operntod“, den er auch wirklich verdient hat! (Lacht.)

(Lacht.) Dem ist nichts mehr hinzuzufügen! Lieber Herr Rode, ich danke Ihnen für das tolle Gespräch.
Ich habe zu danken, Marc! Wünschen wir uns Toi-Toi-Toi für die Produktion! Es war von vorne herein eine herrliche Arbeitsatmosphäre mit Ihnen und Stephan und ich wiederhole Hellmut Lange: „Es war höchst professionell!“