Specials / Interviews

„Glaubwürdig muss es sein!“

Die Schauspielerin Manja Doering im Interview (Mai 2003)

Im englischen Original-Titel heisst „Das indische Tuch“ „The frightened Lady“. Eben jenes angstgeschüttelte Wesen ist Isla Crane, die jüngste Schlossbewohnerin. Ein richtiger Glücksfall war die Besetzung dieser Rolle mit der wunderbaren Manja Doering. Mit Marc Gruppe unterhielt sie sich über Sprechen, Schauspielen und ihre erste Rolle in einem Hörspiel.

Es ist ja recht auffällig, dass Kinder, die synchronisieren, meist schauspielernde Eltern haben. Dein Vater ist ja auch Schauspieler und bei Dir war das ähnlich. Wie alt warst Du, als Du Deinen ersten Film synchronisiert hast?
Da muss ich etwa neun Jahre alt gewesen sein.

Hat man da als Schauspieler-Kind einen Vorteil, ist man vielleicht sogar schon gut darauf geschult?
Ja, wenn Eltern selber darauf achten, wie sie sprechen und wie man Sprache einsetzen kann, wenn sie zum Beispiel ihren Kindern Geschichten vorlesen – das gibt es natürlich auch in Haushalten, in dem niemand Schauspieler von Beruf ist – denke ich, dass man da schon früh eine Menge mitbekommt. Mein Vater hat viel auf der Gitarre gespielt, auch für uns gesungen, oder hat uns ins Theater mitgenommen. Ich habe dann auch schon recht früh als Kinderstatist auf der Bühne gestanden. Außerdem bin ich immer ins Theater zum Klavierspielen gegangen, weil wir damals kein eigenes Klavier hatten. In der Zeit in der mein Bruder dann geübt hat, habe ich natürlich auf der Probebühne mit den Requisiten gespielt, die da rum standen. Von daher denke ich, haben wir da schon eine ganze Menge mitbekommen. Ganz besonders sprachlich! Meine Eltern haben schon sehr darauf geachtet, dass wir, z.B. als wir nach Berlin zogen, nicht angefangen haben zu berlinern. Aber natürlich wird nicht jedes Schauspieler-Kind automatisch Synchronsprecher oder Schauspieler wie es bei meinem Bruder und mir der Fall ist. Rückblickend ist es ein Vorteil, dass unsere Eltern darauf geachtet haben und unsere sprachliche Entwicklung auf spielerische Weise gefördert haben. (Anmerkung: Manjas Bruder, Alexander Doering ist ebenfalls Schauspieler, derzeit am renommierten Theater Berliner Ensemble engagiert und zudem auch als Synchronsprecher tätig; u. a. ist er in der Rolle des Hobbits Merry in der Verfilmung „Der Herr der Ringe“ zu hören.)

Du hast ja auch das Schneewittchen von Walt Disney in der Neu-Synchronisation gesprochen. Der Film ist der erste abendfüllende Spielfilm der Disney-Studios. Für viele Zuschauer außerdem einer der schönsten. Wie war das für Dich, diese Titelrolle sprechen zu können?
Das war ein großes Ding mit einem riesigen Aufwand drum herum. Zunächst gab es ein Probesprechen und glücklicherweise war man ziemlich beeindruckt von dem, was ich da beim Probesprechen machte. Irgendwann wurde ich dann angerufen, dass ich die Titelrolle tatsächlich sprechen sollte. Es wurde eine interessante Arbeit, weil es darum ging, das Schneewittchen ganz hell, weich und lieb zu sprechen. Außerdem ist das Schneewittchen in der deutschen Neu-Fassung eigentlich aus drei Stimmen zusammengesetzt. Die Triller in den Liedern sind im Original belassen, die deutschen Gesangstexte hat Alexandra Wilcke gesungen und ich habe gesprochen. Das Ganze wurde so angelegt, dass die drei Stimmen sehr homogen sind.

Das ist ja schon eine tolle Rolle: einmal Prinzessin sein ...
So habe ich darüber noch gar nicht gedacht. Prinzessin sprechen ist ja nicht gleich Prinzessin sein. Ich hatte vorher auch schon in Märchenfilmen gesprochen. Aber das war wirklich ein großes Ding. Für diese Rolle ausgewählt worden zu sein, war toll. Wenn mich ab da jemand gefragt hat, was ich so für Filme gesprochen habe, konnte ich immer eine Rolle nennen, die nun wirklich jeder kennt, wenigstens vom Hörensagen. Zudem war diese Synchronarbeit wie gesagt sehr interessant und das macht dann auch viel Spaß.

Wie ist es, eine Zeichentrickfigur zu sprechen? Du hast ja noch mehr gemacht in dem Bereich. Wie würdest Du den Unterschied zum Synchron von Real-Filmen beschreiben?
Kommt darauf an, was für ein Zeichentrickfilm es ist. Manche Zeichentrick-Serien sind ähnlich zu sehen wie nicht besonders anspruchsvolle Real-Serien. Generell kommt man beim Zeichentrick-Sprechen schnell ins Chargieren. Aber es gibt da große Unterschiede. Das Schneewittchen war zwar immer hell und lieb, im Ganzen aber immer sehr natürlich. Es ging darum, beim Sprechen echte Gefühle zuzulassen und dabei immer schön, lieb und weich zu klingen. Bei anderen Trickfilmen, sagen wir mal bei japanischen Manga-Serien, ist man oft verführt, sich in einer Art zu sprechen festzufahren. Das kann dann ziemlich schnell technisch und gefühllos werden. Es ist allerdings oft ganz lustig, einen Vogel oder eine böse Zeichentrickfigur, oder sonst irgendetwas Verrücktes im Trick-Bereich zu sprechen, weil man in diesem Genre seine Stimme stärker verändern darf. Das macht es wieder interessant. Generell kann man sagen, dass in beiden Genres, Real- und Zeichentrickfilm, sich die Kunst der Synchronisation meist daran orientiert, wie anspruchsvoll die Vorlage selber ist.

Apropos lustige Arbeit: Ich könnte mir vorstellen, dass das doch auch ganz spaßig sein kann, wenn der Massenmörder mit der Kettensäge hinter der hübschen, kreischenden Maid herrennt. Hast du schon Splatter-Filme gemacht?
Nicht viel, aber es gab schon Filme, wo ich im Studio stand und mich fragte, was machen die da auf der Leinwand? Bestien, die alle anfallen, man rumschreit und die ganze Synchronarbeit eigentlich nur aus Atmern und Reaktionen besteht und so schönen Sätzen wie „Ahhhh, sie kommen!“. Richtig kann ich da nicht mitreden, aber ein paar Teenie-Horror-Sachen habe ich schon gemacht. Es ist auch nicht mein Ziel, viele Splatter zu machen! (Lacht.)

Was hast Du nach Deinen vielen Synchron-Jobs auf der Schauspielschule gelernt?
Ich hab meine Fähigkeiten zum Schauspielen an- und austesten und ausbauen können. Wie geh ich mit Körper und Stimme um? Wie eigne ich mir eine Rolle an und fülle sie? Was wirkt wie auf einer Bühne? Was für Spielweisen gibt es? ... Ich habe sehr viel über mich selbst gelernt. Ich denke, ein Schauspielstudium kann erblühen lassen, was in Ansätzen eh schon in einem steckt. Im übrigen ist es so, dass die Schauspielschulen es gar nicht so gerne sehen, dass man Erfahrungen im Synchronsprechen hat, weil das manchmal nicht viel mit Schauspielerei zu tun haben muss. Meine Schauspielausbildung hat mich im Synchron sehr viel weiter gebracht, weil ich meinen Körper besser nun besser einsetzen kann. Die Stimme ist nicht einfach ein Ding, was separat vom Körper zu sehen ist. In der Sprecherziehung lernt man, die Stimme vom Körper her einzusetzen, so dass sie aus dem Zentrum kommt, dass sie geerdet ist, dass man Schreien und Brüllen kann, ohne heiser zu werden, dass man die Stimme mit dem Zwerchfell stützen muss, dass man ganz leise sprechen kann und trotzdem die letzte Reihe im Theater noch das Flüstern versteht und dass man die hellen und dunklen Nuancen seiner Stimme entdeckt. Für’s Synchronisieren finde ich es enorm wichtig, dass man nicht „nur“ Sprecher, sondern auch Schauspieler ist und nicht jede Rolle gleich spricht, sondern in der Lage ist, sich einer Figur auf der Leinwand so nah wie möglich zu bringen.

Also kann man sagen, dass Deine Ausbildung das Sprechen ganzheitlicher gemacht hat ...
Ja, unbedingt. Ich konnte danach vor dem Mikro viel besser spielen und die dort in den Takes geforderten Gefühle schneller herstellen. Es war danach einfacher sich nicht nur am bloßen Text zu orientieren, sondern sich vor allem spielerisch der im Original vorgegebenen Situation zu nähern. In der Tendenz habe ich das zwar auch vorher gemacht, aber seit der Schauspielschule konnte ich das bewusster einsetzen und war dadurch viel lockerer.

Eine zentrale Synchronrolle von Dir war ja der Part von Natalie Portman in „Star Wars Episode I & II“ als Königin Amidala bzw.
Senatorin Padme ...
Das habe ich wirklich gerne gemacht! Natalie Portman ist einfach immer sehr glaubwürdig, in dem, was sie spielt. Es macht viel Vergnügen, so jemanden zu sprechen. Aber es gibt auch andere, anspruchsvollere Filme mit ihr, die ich sprechen durfte. Aber um keinen Film vorher habe ich soviel Rummel erlebt, wie um die „Star Wars“-Episoden.

Eine fantastische Synchronarbeit hast Du, wie ich finde, in „Weißer Oleander“ abgeliefert ...
Das war eine super spannende Arbeit in einer tollen Atmosphäre, u. a. weil mal wieder die Gelegenheit da war, mit Dialog-Partnern vor dem Mikro stehen zu können. Dadurch kann man Szenen oft noch besser spielen. Besonders mit Katja Nottke hat das viel Spaß gemacht. (Anmerkung: u. a. dtsch. Stimme von Michelle Pfeiffer).

Gibt es manchmal beim Synchronisieren den Moment, wo du denkst: das hätte ich gerne gespielt?
Komischerweise habe ich da noch nie drüber nachgedacht. Natürlich würde ich auch gerne mal tolle Filme drehen und mich in diesem Genre ausprobieren, aber bei der Synchronarbeit bin ich eher bei guten Vorlagen beeindruckt von den Darstellern und versuche deren Ausdruck mit meiner Stimme nachzueifern, damit es in der deutschen Fassung genauso glaubhaft ist. Und von daher hab ich immer irgendwie das Gefühl „ich spiele da mit“. Wenn es ein Verschmelzen von dem, was man auf der Leinwand an Emotion sieht und dem, was ich spreche gibt, ist das ein wunderbares Glücksgefühl! Gerade auch bei sehr emotionalen Rollen, die richtig an die Substanz gehen, Heulkrämpfe oder so, Leidenschaft, die man stimmlich lebendig kriegen muss.

Schaust Dir dann die fertigen Filme auch im Kino an?
Ja, doch, ab und zu. Früher nicht so. Denn wenn ich im Kino „Manja“ raushöre, bin ich nicht so glücklich. Wenn aber meine Stimme zur Stimme der jeweiligen Rolle wird, bin ich sehr zufrieden mit meiner Arbeit. Aber es gibt auch mal Sachen, die man selber nicht so toll findet. (Lacht.) Manchmal sage ich auch gar nicht, wenn ich mit Freunden ins Kino gehe, dass ich in dem Film mitgesprochen habe und gucke, ob die es merken ... (Lacht.)

Hast Du auch irgendwann schon mal Hörspiel gemacht?
Wenn man CD-ROM-Spiele mal außen vorlässt, die ja teilweise in eine ähnliche Richtung gehen, dann war „Das indische Tuch“ meine erste offizielle Erfahrung.

Wie siehst Du die Unterschiede der Arbeit als Sprecherin in einem Hörspiel in Bezug zum Synchron oder dem Theater? Das Hörspiel ist ja so ein Genre mittendrin, oder?
Auf der Bühne kreiert man in einem Ensemble seine eigene Rolle und bringt den Text hoffentlich lebendig rüber. Im Synchronbereich gibt es dagegen ja schon eine Interpretation als Vorgabe – das Original – und man bemüht sich, das, was da ist, in unsere Sprache zu übertragen. Dabei berücksichtigt man natürlich stark die Emotionen und Intentionen des Original-Interpreten. Man nimmt also eher etwas ab und überträgt es, setzt es um. Im Hörspiel muss man nun, ähnlich wie beim Theater, selber die Rolle finden und kreiert zusammen mit dem Regisseur etwas eigenes. Der Freiraum ist größer als beim Synchron. Für mich Synchron- und Nachahmungsgewöhnte ist dieser Freiraum ungewohnt. (Mal abgesehen vom Körper und Stimme vereinenden Theater.) Völlig ohne tolle Vorlage bist du darauf angewiesen, dass dir etwas gutes zu seiner Figur einfällt. Insofern ist Theaterspielen und Hörspielsprechen schon eher etwas ohne Netz und doppelten Boden. Was das Hörspiel betrifft, so war das eine sehr schöne neue Erfahrung für mich! Allen drei Genres ist aber gemeinsam: man sollte als Sprecher und Schauspieler unbedingt und in jeder Nuance der Rolle glaubwürdig sein! Das ist mir am allerwichtigsten! Man muss die Rolle mitdenken und fühlen – auch das, was die anderen sagen und für den Zuschauer / Hörer die Situation klar definiert vor dem Mikro empfinden. Nur ablesen reicht da natürlich nicht. (Lacht.) Es ist eine Kunst und nicht einfach!

Du sprichst die junge Heldin Isla Crane in unserem Hörspiel ...
Ja, Isla, ist die Sekretärin auf Schloss Marks Priory, aber auch zugleich eine entfernte Verwandte aus einem verarmten Zweig der Familie Lebanon. Sie soll den jungen Lord heiraten, damit die Dynastie fortbesteht, zumindest wünscht Mylady das so. Isla ist sehr, sehr verängstigt durch die schrecklichen Dinge, die plötzlich im Schloss passieren. Da gab es zwar schon immer seltsame, undurchschaubare Machenschaften, aber Morde gab’s bis dato nicht.

Die Rolle hat ja ein großes Spektrum an Emotionen ...
Ja. Darüber war ich auch sehr froh! Am Anfang konnte ich mir die Figur gar nicht so lebhaft vorstellen. Aber beim Aufnehmen haben wir ja doch – so hoffe ich wenigstens – viele Seiten dieser Figur gezeigt. So viele, dass ich Dich ja manchmal sogar gefragt habe, ob das denn jetzt überhaupt noch die gleiche Figur ist und ob das so stimmt. (Lacht.) Es war auf jeden Fall ein großer Spaß, sowohl das schlagfertige, selbstbewusste „Girl“, als auch das verhuschte, kreischende Mäuschen in einer Figur sein zu können! Vor allem mit den anderen Stimmen fing es für mich recht schnell an, auf seine Art zu leben. Und das war schon schön!

Vielen Dank, Manja, für das nette Interview!